Der Junge, der Gedanken lesen konnte

Ein Friedhofskrimi

Autoren
Illustrator
Regina Kehn
Verlag
Oetinger Verlag

Zusammenfassung zu “Der Junge, der Gedanken lesen konnte”

Als Valentins alleinerziehende Mutter als Marktleiterin in eine andere Topp-Preis-Dromarkt Filiale versetzt wird, müssen Mutter und Sohn ausgerechnet in den Sommerferien umziehen. Valentin ist zehn und stammt aus Kasachstan, wo der Rest seiner Familie nach dem Tod seines großen Bruders Artjom geblieben ist. Valentin ist nur die Kappe seines Bruders geblieben, die er zu jeder wachen Minute trägt. Es versprechen langweilige Sommerferien zu werden, seine Mutter muss arbeiten und neue Freunde hat Valentin noch nicht gefunden. Auf dem Friedhof schließt er jedoch neue Bekanntschaften: Herr und Frau Schilinski haben sich eine Grabstelle gemietet, die sie nun bis zu ihrem Tod wie einen Schrebergarten pflegen, auf der sie Musik hören und picknicken. Mit dabei ist auch Bronislaw, der polnische Friedhofsgärtner und Herr Schmidt, der jeden Tag das Grab seiner verstorbenen Frau Else besucht und sich über die Gesellschaft der Schilinskys freut. Eine andere regelmäßige Besucherin ist Dicke Frau, die unverständliche Selbstgespräche führt und die niemand richtig versteht, seit ihr zwölfjähriger Sohn starb und sie mit der Trauer nicht fertigwurde. Mit dem Tod und der Trauer kennt Valentin sich aus, auch seine Mutter sieht oft grau aus und findet nicht richtig ins Leben zurück.

Als auf dem Friedhof verschiedene Verbrechen geschehen und sich Valentin mit dem gleichaltrigen Nachbarjungen Mesut anfreundet, verspricht der Sommer doch noch interessant zu werden. Die beiden Jungen gründen ein Detektivbüro und beginnen mit der Aufklärung der Fälle: Zunächst gilt es einen Juwelenraub durch den „Gentlemanräuber“ aufzuklären, dann wurde Bronislaw überfallen, und Dicke Frau wurde ihre Münze gestohlen. Valentin und Mesut befragen Kinder in der Nähe des ausgeraubten Juweliers und gehen weiteren Spuren nach, deren Ergebnis Valentin gar nicht gefällt: Es deutet alles darauf hin, dass Bronislaw in den Raub verstrickt ist! Als die beiden Jungen weiter ermitteln, tauchen weitere Hinweise auf, und schließlich bringt Valentins Begabung, Gedanken zu lesen, die beiden in eine gefährliche Situation, als sie versuchen, einen weiteren Diebstahl zu verhindern…

Wichtige Charaktere

  • Valentin
  • Mesut
  • sein Bruder Ahmed
  • Valentins Mutter
  • Valentins verstorbener Bruder Artjom
  • Herr und Frau Schilinsky
  • Bronislaw
  • Herr Schmidt und seine verstorbene Frau Else
  • Dicke Frau
  • Herr Kuchenbrodt
  • Amelie
  • Frau Jelkovic
  • der Hund Jiffel

Zitate

„‚Es ist für uns eben unvorstellbar, mein Jung‘, hat er gesagt. ‚Dass es einfach zu Ende sein soll. Punkt, Schluss, aus. Eben noch lebendig, jetzt tot. Liegt noch genauso da wie vorher, haargenau so, sieht noch haargenau so aus. Aber atmet nicht mehr. Das ist der einzige, winzige Unterschied. Wie sollen wir da glauben können, dass es nun das ganz Andere ist? Nur so ein winziger Unterschied, atmet nicht mehr. Aber es genügt. Es ist derselbe Mensch, liegt noch so da, aber es gibt ihn nicht mehr.‘ Er hat geseufzt. ‚Schwer zu verstehen, mein Jung. Schwer zu verstehen.'“

„Mama hatte mir einen Zettel geschrieben. Ich bin also langsam durchs Einkaufszentrum geschlendert. Bis die Läden schlossen, blieb ja noch genügend Zeit.
Wie überall gab es zwei oder drei Ein-Euro-Läden, aber ich habe es geschafft, davon wegzubleiben. Wenn man erst mal drinnen ist, findet man meistens etwas, das man gut gebrauchen kann, und zu Hause ärgert man sich dann.
In zwei anderen Schaufenstern hingen Plakate des Center-Managements, dass diese Läden zu vermieten waren. Ich kriege immer ein trauriges Gefühl, wenn Läden leer stehen, ich weiß auch nicht, warum.“

Ich wünsche Dir, dass Du das Leben lieben kannst. Das Leben ist ein großartiges Geschenk, mein lieber Junge!

Persönliche Bewertung

Kirsten Boie erzählt eine einfühlsame Geschichte über Konventionen und den Umgang mit dem Tod

5 von 5

Kirsten Boie ist eine ganz besondere Kinderbuchautorin. Sie setzt nicht auf sprachgewaltige Erzählungen, auf die fantasievolle Sprachpoesie einer Cornelia Funke oder eines Michael Ende. Stattdessen erzählt sie einfühlsam und aus Kindersicht meist problembezogene Geschichten, mit denen sich ihre junge Leserschaft identifizieren kann. Oft lässt Boie ihre Protagonisten als Ich-Erzähler zu Wort kommen. Auch in diesem Buch wählt sie die passende Sprache zu ihrem zehnjährigen Protagonisten, einfach aber nicht primitiv, nicht zu umgangssprachlich aber authentisch und plausibel.

„Der Junge, der Gedanken lesen konnte“ ist nicht nur ein spannungsvoller Krimi, sondern auch eine sehr nachdenkliche Geschichte, die ihre Leser zum Grübeln bringt und Gedankenanstöße gibt. Kirsten Boie konfrontiert mit Themen wie „Was passiert nach dem Tod?“ oder „Warum darf man auf dem Friedhof nicht fröhlich sein? Wäre das den Toten nicht vielleicht sogar lieber als die bedrückende Stille und Ernsthaftigkeit?“ Es geht um Trauerbewältigung und Schuld, aber auch um Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile, denen Mesut und Valentin ausgesetzt sind.

Valentin, der Erzähler und Hauptcharakter, ist ein nachdenklicher Junge, der auf kindgerechte Art gesellschaftliche und strukturelle Phänomene in der Stadt hinterfragt und erklärt. Er stellt fest, dass Trauer vom Glauben unabhängig ist oder dass man auch in einem fremden Land seine Identität behalten kann. Es sind die vielen Kleinigkeiten, die diese Geschichte so authentisch machen.

Besonders schön sind die Botschaften, die Kirsten Boie in ihrer Geschichte vermittelt: Sie bricht eine Lanze für Menschen, die äußerlich oder gestig anders sind: Die vermeintlich „verrückte“ „Dicke Frau“ (ein eigentlich diskriminierender Name wird hier völlig neutral verwendet – authentisch aus Kindersicht, aber dennoch ein wenig fragwürdig, da sie damit auf ihr Äußeres reduziert wird) ist durch den Schicksalsschlag in ihre Situation geraten. Und Mesuts anfängliche Unfreundlichkeit hängt vor allem mit seiner Trauer und seiner Unzufriedenheit über seine Situation zusammen. „Der Junge, der Gedanken lesen konnte“ ist eine Geschichte über die Freundschaft zwischen ganz verschiedenen Charakteren aus verschiedenen kulturellen Hintergründen und aus unterschiedlichen Altersgruppen, die ein wichtiges Signal für mehr Toleranz und Verständnis setzt.

Fazit

Trotz vieler nachdenklicher Töne ist Kirsten Boie mit diesem Buch eine humorvolle, unterhaltsame Geschichte voller Spannung gelungen. Mit ihrem Plädoyer für Verständnis und Toleranz leistet sie einen wichtigen Beitrag für das Zusammenleben von Kindern und ihren Familien, die sich den Herausforderungen einer multikulturellen Gesellschaft, den unterschiedlichen Glauben und Traditionen, stellen müssen. Ein wunderbares Buch!

ISBN10
3789131911
ISBN13
9783789131912
Dt. Erstveröffentlichung
2012
Gebundene Ausgabe
320 Seiten
Empfohlenes Lesealter
Ab 10 Jahren

Eine Antwort zu
Der Junge, der Gedanken lesen konnte

  1. Babsi

    5 von 5

    Die­se Buch ist super span­nend und man kann gar nicht mehr auf­hö­ren zu lesen🔝🔝🔝❤