Der kleine Bruder

Autoren
Verlag
Eichborn Verlag
Anspruch
4 von 5
Humor
4 von 5
Lesespaß
3 von 5
Schreibstil
5 von 5
Spannung
4 von 5

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Zusammenfassung zu “Der kleine Bruder”

Frank Lehmann beschließt, im dritten Band der Lehmann-Trilogie, nach seinem unrühmlichen Ausscheiden aus der Bundeswehr, seiner Heimatstadt Bremen den Rücken zu kehren, und seinen Bruder Manni im sagenumwobenen Berlin-Kreuzberg zu besuchen. Mit seinem „Freund“ Wolli begibt er sich auf die, dank der noch existierenden Transitstrecke,recht lange Reise. Endlich angekommen, wird Wolli vor einem besetzten Haus abgesetzt und Frank begibt sich auf eine zwei Tage und Nächte andauernde Suche nach seinem Bruder Manni. Dabei taucht er tief in das viel beschworene Kreuzberg der frühen achtziger Jahre ein. Punks entpuppen sich als echte Spießer, Hausbesetzer als Hausbesitzer. Nichts ist so, wie es aus der Ferne, den Anschein hatte. Und vor allem ist es kalt (die Handlung spielt im November!), die Luft stinkt, real existierender Ofenheizung sei Dank, Wohnraum ist knapp. Auf der Suche nach seinem Bruder, der in Berlin Freddie und nicht Manni heißt, lernt Frank vieles, von dem er das meiste eigentlich nicht so genau wissen wollte, über das Leben in Berlin-Kreuzberg, und über die Berliner Kunstszene (hervorragend: ArschArt-Galerie) im Besonderen. Ende gut, alles gut: auf den letzten Seiten findet der kleine Bruder den großen Bruder und zudem seine eigentliche Berufung.

Wichtige Charaktere

  • Frank Lehmann, der Bruder von Manfred Lehmann
  • Freddie, der Bruder von Frank Lehmann
  • Wolli, ein Bremer, der Berlin ausprobieren will
  • Erwin, Berliner Wohnungs- und Kneipenbesitzer
  • Klaus, Karl und Chrissi, Mitbewohner
  • Berlin Kreuzberg im Jahr 1980

Zitate

„Erst kurz vor dem Wittenbergplatz fiel ihm ein, daß er ja auch das Auto hätte nehmen können, darauf war er vorher gar nicht gekommen, er hatte überhaupt das Auto völlig vergessen, und er wunderte sich darüber nicht, er verstand jetzt ganz genau, warum Freddie ihm das Auto damals, als er nach Berlin gegangen war, geschenkt hatte, hier hatte keiner ein Auto, und es schien auch keiner eins zu brauchen, wenn es nicht gerade darum ging, jemanden, der blutete, zum Krankenhaus zu fahren, und den Weg zu dem Hotel, in dem Freddie jetzt sein sollte, hatte Karl ihm auch gleich anhand von U-Bahn und Bus beschrieben,…“

Weitere Lehmann-Romane

Herr Lehmann (2001)
Neu Vahr Süd (2004)

Persönliche Bewertung

Handwerklich gut gemachter Roman über das Kreuzberg der frühen 80ziger

4 von 5

Im Grunde ist Sven Regener eine richtig gute Momentaufnahme gelungen. Gute Literatur darf sich auch der Alltagssprache bedienen. Kaum einem Leser dürfte aufgefallen sein, dass es Regener gelingt, Sätze in einer Länge von mehr als einer Buchseite zu schreiben, diese dann zumeist noch als Dialog, das ist schon gutgemachtes Handwerk. Punktabzug gibt es aus Sicht der Rezensentin für die fehlenden weiblichen Darsteller, die selbst, wenn sie vorkommen, eher schwach gezeichnet sind, aber selbst damit hat der Autor wohl recht, wenn die Erinnerung nicht täuscht, war das Kreuzberg der 80ziger sehr männlich dominiert.

Fazit

Der letzte Band der Lehmann-Trilogie ist chronologisch in der Mitte zwischen „Neu Vahr Süd“ und „Herr Lehmann“ angeordnet. Hat man die beiden Vorgänger gelesen, erwartet man zunächst einmal halbwegs passable Unterhaltung, verpackt in überschaubare 280 Seiten. Gleich vorweg: diese Erwartung wird nicht enttäuscht, vorausgesetzt man bringt der Zeit, Berlin um 1980, und der Kreuzberger KunstKulturKneipenPunkHippieHausbesetzerSzene und den hauptsächlich männlichen Darstellern nur ein Minimum an Interesse entgegen. Schnell bemüht, vor allem der eingeborene Berliner, das Klischee, hier berichtet ein Zugereister plattitüdenhaft über etwas, wovon er eigentlich keine Ahnung hat und haben kann, denn Zugereiste hätten ja nie so wirklich dazugehört, und sowieso nie etwas verstanden.

Widmet man dem Roman einen zweiten, genaueren Blick, stellt man fest, dass Regener dann doch sehr genau weiß, wovon er schreibt, und sich dabei eigentlich recht charmant und gekonnt, der doch tatsächlich oft recht platten Alltagssprache bedient. Denn, wohl zu keiner Zeit, war Kreuzberg warm, kuschelig, revolutionär oder auch nur besonders intelligent. Zumeist war es dort recht ungemütlich kühl, Machtspiele wurden in Plenen ausgetragen, jede wollte ein Stück vom Kuchen – und alle besetzten Häuser waren in – nun ja – nicht nur marodem, sondern auch extrem verdrecktem Zustand. Fazit: Am Ende kreiselt jeder um sich selbst und der größte Spießer ist immer noch der, der auf jeden Fall keiner sein will. Genau das beschreibt Regener, vielmehr sein Protagonist Frank Lehmann, und bleibt dabei immer ausgesprochen höflich, und überlässt die Tatsachen der schnoddrigen Alltagssprache und der Aufmerksamkeit des Lesers. So kann in dem Buch jeder finden, was er will, der eine mag nostalgisch in andere Zeiten versinken, der andere mag erkennen, dass einer verherrlichten, verflossenen Zeit ein gnadenloser Spiegel vorgehalten wird.

ISBN10
382180744X
ISBN13
978-3821807447
Dt. Erstveröffentlichung
2008
Gebundene Ausgabe
281 Seiten