Katias Mutter

Das außerordentliche Leben der Hedwig Pringsheim

Autoren
Verlag
Rowohlt Verlag
Anspruch
5 von 5
Humor
5 von 5
Lesespaß
5 von 5
Schreibstil
5 von 5
Spannung
4 von 5

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Zusammenfassung zu “Katias Mutter”

Hedwig Pringsheim, geborene Dohm, war die Schwiegermutter von Thomas Mann, die Mutter seiner Frau Katia, die Großmutter seiner Kinder und zugleich eine außergewöhnliche Frau. Schon ihre Herkunft als Tochter der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm, zu der sie zeit ihres Lebens ein inniges Verhältnis pflegte, deutet auf eine ungewöhnliche Kindheit. Zwar war ihre Herkunftsfamilie nicht reich, aber dafür kulturell ausgesprochen ambitioniert. Im Salon der Familie ging die Berliner Kunstwelt ein und aus. Die vier Töchter, unter ihnen Hedwig, immer mittendrin. Nach einem Abstecher an das Meininger Theater, der wenig glanzvoll verläuft, aber immerhin gestattet wird, heiratet das junge Mädchen den Millionär und Mathematiker Alfred Pringsheim. Eine wirklich gute Partie würde man sagen, und hat man damals sicher auch. Zwar hat Alfred immer Geliebte neben seiner Frau, aber das gefährdet den Bestand der Ehe der Pringsheims nicht. Das Paar lebt, dank des ererbten Reichtums, ausgesprochen glanzvoll. Hedwig residiert in München, wird zu einer umschwärmten Frau, sie verkehrt mit Schriftstellern, Politikern, Musiker, Schauspielern und Bankiers, also mit allen, die Rang und Namen in Deutschland haben, von gleich zu gleich. Ausgedehnte Kulturreisen in andere Metropolen werden unternommen. Hedwig Pringsheim ist Teil des damaligen Kultur-Jetsets. Sie spricht mittlerweile vier Sprachen und hat fünf Kinder geboren, von denen sie eines überleben wird. Zu ihrer einzigen Tochter Katia unterhält sie zeit ihres Lebens eine lebhafte Korrespondenz. Diese Briefe bilden von Hedwig an Katia bilden dann auch das tragende Fundament der vorliegenden Biografie. Das Älterwerden der Hedwig Pringsheim wird zum einen durch den Wegzug der Kinder zum anderen aber entscheidend durch das Aufziehen des Nationalsozialismus in Deutschland bestimmt. Hedwig ist Jüdin. Sie wird enteignet und aus ihrer Villa vertrieben. Dabei hat sie jedoch Glück im Unglück. „Merkwürdigkeiten, Zufälle und Widersprüche“ haben das Leben der Pringsheim bestimmt, aber auch „Aufschwünge, jähe, aber souverän und mit Glück abgefangene Abstürze“. Schritt für Schritt, Station für Station entblättern die Autoren Walter und Inge Jens den Lebensweg einer Frau (und den ihrer Familie) der „nicht zuletzt stellvertretend für Glanz und Elend des deutsch-jüdischen Großbürgertums steht.“.

Wichtige Charaktere

  • Hedwig Pringsheim geborene Dohm und ihre Großfamilie
  • Katia Mann

Zitate

„Uns ist diese Frau ans Herz gewachsen, und wir versuchen sie zu ehren, in dem wir so viel wie möglich zitieren … von dieser Schauspielerin, Publizistin, politisch wachsamen Frau, Familienmutter, Weltreisenden und Epistolografin.“

„Es fiel Hedwig Pringsheim schwer, die Leere zu überwinden, die Eriks Verbannung in ihrem Leben hinterließ. Das Gefühl der zunehmenden Vereinsamung, unter dem sie seit dem Weggang ihrer Kinder litt, drohte jetzt jeden Elan zu ersticken. ‚Ich habe keine Freuden, keine Freunde. Das Leben wird so heruntergespult, im Kreis umhergetrieben, ‚bis es am Abend niederfällt und stirbt‘.’“

„Und doch. Ganz so düster ließ sich die Zukunft nicht an, auch wenn die Gedanken der beiden Flüchtlinge zunächst mehr dem galten, was man verlassen hatte: …Erst langsam wurde ihnen bewusst, welch ein unerhörter Glücksfall es gewesen war, dass sie …aus Deutschland herausgekommen waren, welche Befreiung es bedeutete, nun endlich ohne Zensur über das Erlebte sprechen zu können. Zum ersten Mal erfuhr auch Tochter Katia, wie das Leben der Eltern in den letzten beiden Jahren wirklich ausgesehen hatte: ‚Kein Konzert, kein Theater, kein Kino, keine Ausstellung, an gewissen Gedenktagen nach 12 Uhr mittags nicht mehr auf die Straße‘.“ S. 232

Leseprobe

Persönliche Bewertung

Lebendig und farbig erzählte Zeitgeschichte über die Schwiegermutter von Thomas Mann

5 von 5

„Katias Mutter“ ist das zweite Buch der Inge Jens, das im Kosmos der Großfamilie Mann angesiedelt ist. Basierend auf bisher unbekannten Briefen versuchen Inge Jens und ihr Mann Walter, das Leben von Katia Manns Mutter zu ergründen – und zugleich ihr Wesen freizulegen. Angefangen wird in der Berliner Kindheit, die für großbürgerliche Verhältnisse eher ärmlich zu nennen war, wenngleich dafür kulturell wohl umso reichhaltiger gestaltet war. Das Buch endet in der Emigration, nachdem Deutschland von den Nazis regiert wird. Die Pringsheims verlassen Deutschland in hohem Alter – und lassen dabei fast alles, was ihr Leben ausmachte, in ihrer Heimat zurück. Für die Zeit zwischen diesen biografischen Eckpunkten gelingt es dem stilsicheren Erzählerpaar Jens ein wundervoll, eindrucksvolles, lebendiges Panorama einer längst untergegangen Zeit an die Oberfläche des Heute zu zaubern. Der Leser kehrt ein in eine Zeit, als es üblich war stilvoll zwischen unermesslichen Reichtümern dinieren und dabei zu diskutieren. Wobei der Stil immer mehr der Verpflichtung als der Prunksucht geschuldet war. Man hatte seine Wurzeln, und die pflegte man auch. Kunst war Gebrauchsgegenstand und scheinbar Lebensnotwendigkeit. Häufig – und das trägt sicher maßgeblich zur Farbigkeit der Sprache bei – kommt „Hedel“, so wurde Hedwig Dohm von ihrer Mutter genannt, selbst zu Wort, in ihren Briefen. Die genau beobachtende, unterhaltsam-fatalistische Sprache der Briefschreiberin bereichert den Lesefluss enorm und beschert ein echtes Lesevergnügen. Insgesamt hinterlässt das Buch einen tief gehenden Eindruck. Wohl selten ist es Autoren so angenehm unterhaltsam gelungen, Zeitgeschichte am Schopfe zu packen, und wieder präsent zu machen – in diesem konkreten Fall als ein Epos über das Leben des großbürgerlichen deutschen Judentums. Warum das so gut gelingt, liegt vielleicht im Wesen der Hedwig Pringsheim begründet. Vielleicht war ihre Präsenz im Leben derart stark, dass sie selbst bis in das Heute noch wahrnehmbar ist.

Fazit: Lebendige Zeitgeschichte – stilsicher hervorgezaubert aus der Feder des Autorenpaars und mittendrin und vielleicht auch der Mittelpunkt – die Schwiegermutter von Thomas Mann, Hedwig Pringsheim.

ISBN10
3498033379
ISBN13
9783498033378
Dt. Erstveröffentlichung
2005
Gebundene Ausgabe
285 Seiten