Eine Frage der Schuld

Anläßlich der Kreuzersonate von Lew Tolstoi – Kurze Autobiographie der Gräfin Sofja Andrejewna Tolstaja

Autoren
Übersetzer
Alfred Frank
Ursula Keller
Verlag
Manesse Verlag
Anspruch
5 von 5
Humor
4 von 5
Lesespaß
5 von 5
Schreibstil
5 von 5
Spannung
4 von 5

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Zusammenfassung zu “Eine Frage der Schuld”

Die gerade achtzehnjährige Anna erweckt das Gefallen (die Begierde) des fünfunddreißigzigjährigen Fürsten Prosorski. Als der Fürst um die Hand des Mädchens anhält, willigt sie verliebt ein, ihn zu heiraten, und ihr Leben von jetzt an ihrem Mann zu widmen. Lange versucht Anna sich das Zusammenleben mit dem Fürsten durch romantische Ideale und durch die Flucht in das Leben mit ihren Kindern zu versüßen. Doch die Begierde des Fürsten für Annas Sinnlichkeit erlöscht nicht und wird zudem angeheizt durch Annas Bekanntschaft mit Bechmetews, mit dem sie eine tiefe platonische Liebe verbindet. Am Ende verfällt der Fürst in rasende Eifersucht und greift nach einem Briefbeschwerer. Eine Frage der Schuld? Die Antwort muss der Leser für sich selbst herauszufinden.

Der zweite Teil des Buches enthält eine Kurzbiographie, ebenfalls verfasst von Sofja Tolstaja, die die Zeit von der Hochzeit bis zum Totenbett des Lew Tolstoi umfasst, in der 13 Kinder geboren und erzogen werden, und alle großen Werke Tolstois von Sojfa abgeschrieben werden. Das wahre Leben der Frau Tolstois scheint noch viel dramatischer gewesen zu sein, als es die Literatur darzustellen vermag.

br /> „Sollte denn nur darin unsere weibliche Berufung bestehen, vom körperlichen Dienst für den Säugling zum körperlichen Dienst für den Mann überzugehen? Und das abwechselnd – immerfort! Wo bleibt mein Leben? Wo bleibe ich? Ich, die mal nach Höherem gestrebt hat, dem Dienst an Gott und an den Idealen?“

„Allein der Fürst hatte es eilig mit der Abreise nach Moskau. Er langweilte sich offensichtlich zu Hause, suchte nach Vorwänden, in die Stadt und zu den Nachbarn zu fahren, und war überall auf Zerstreuung aus. Anna beunruhigte das sehr. Sie sah, daß er sich mehr und mehr der Familie entzog und ihr immer weniger Liebe zuteil werden ließ. Sie befürchtete, daß er ganz weggehen und die Familie zerbrechen könnte, die sie in den elf Jahren ihres Ehelebens zu behüten bestrebt gewesen war. Sie beschloß ihren Mann zu halten, nach Wegen und Mitteln zu suchen, ihn wieder an sich und ihre Familie zu binden. Von diesen Mitteln hatte sie eine dunkle Ahnung, sie waren ihr zuwider, doch was bot sich ihr denn Besseres?“

„’Nein, nein‘ sagte sie und entzog sich seiner Hand. Doch der Fürst ließ nicht von ihr ab. Er ging zur Tür, verschloß sie, trat auf seine Frau zu, beugte sich herab und küßte ihren Busen. Anna zuckte zusammen und wankte zurück. Er zog sie in seine Arme und preßte leidenschaftlich seine Lippen auf ihre Schulter, ihre Lippen…Sie leistete keinen Widerstand mehr. Mit geschlossenen Augen, ohne an ihrem Mann zu denken, ohne sich über etwas Rechenschaft abzulegen, zitterte sie in seiner Umarmung. Der Fürst war freudig überrascht von dieser nachgiebigen Leidenschaft seiner Frau. Sie gab sich ihm ganz hin, doch ihre geschlossenen Augen sahen nur Bechmetew.“

Persönliche Bewertung

erschütternd dichte und lebensnahe Autobiographie

5 von 5

Hinter jedem großen Mann steckt eine Frau. Wer war die Frau hinter Lew Tolstoi, dem Schöpfer von „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“? Davon erzählt dieses Büchlein – erschütternd dicht und lebensnah – und spannend bis zum bitteren Ende.

Fazit

Sofja Tolstajas Replik auf die „Kreuzersonate“ ihres Mannes Lew Tolstoi wurde erst mehr als einhundert Jahre nach der Niederschrift publiziert, und nie entsprechend gewürdigt. Dabei handelt es sich doch immerhin um die einzige Antwort einer Frau, und sodann auch noch die der Ehefrau des Autors, auf die entwürdigende Darstellung der Frauen bei Tolstoi, die in der Kreuzersonate auf die Funktion auf eines männerverführenden Sexualobjektes reduziert werden. Der Tolstaja gelingt eine faszinierend lebendige Erzählung über das Leben einer begabten, gebildeten jungen fast Kind-Frau, zweifelsohne privilegiert – die Verachtung für das gemeine, gerade aus der Leibeigenschaft befreite Volk schimmert immer wieder durch – die durch gesellschaftliche Konvention und Alltagsanforderungen komplett aus ihrem Selbst gedrängt wird – und sich, wenn die Zeit es zulässt, in ihre Ideale flüchtet, einzig, um dieses, vom Ehemann aufgezwungene, Leben zu ertragen. Wahlmöglichkeiten gibt es im Russland dieser Zeit keine. Die Auseinandersetzung mit den Anforderungen der Sexualität in der Ehe mit dem älteren Mann, die Demütigung, die darin liegt, für den Ehemann ausschließlich schuldbeladenes Objekt der sinnlichen Begierden zu sein werden brillant dargestellt. Zudem taucht der Leser tief ein in die Alltagswelt einer Gutsfrau, wobei es sich um einen ziemlich harten Job gehandelt haben muß, waren es der Kinder doch viele, und lag deren Wohl einzig in den Händen der Mutter.

Ist schon der Roman ein faszinierendes Zeitdokument zu einem zeitlosen Thema – den Machtverhältnissen in der Ehe – so wird er doch die Kurzbiographie der Tolstaja noch übertroffen. Dreizehn Kinder gebar sie, dazu drei Fehlgeburten, vier Kinder starben und ihren Mann ging das alles gar nichts an. Als der Arzt nach fünf Kindern empfahl, den Schwangerschaften vorzubeugen, wollte Tolstoi sich von seiner Frau trennen und erwartete zugleich ihre ständige Mitarbeit an seinem eigenem Werk. Menschliche Dramen entblättern sich – unbedingt lesenswert. Frau Tolstaja klagt nicht, sie beschreibt einfach nur – auf hohem literarischem Niveau.

Originaltitel
Tschja wina?
ISBN10
3717521500
ISBN13
978-3717521501
Dt. Erstveröffentlichung
2008
Gebundene Ausgabe
314 Seiten